MotoGP-Rückblick 2017: Das Yamaha-Desaster, welches keines war

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MotoGP-Rückblick 2017: Das Yamaha-Desaster, welches keines war
Toni Börner
Autor: Toni Börner , Redakteur
29.12.2017, 08:34

Wenn man erfolgsverwöhnt ist, dann kann ein dritter WM-Rang schon ein kleines Desaster sein. Trotzdem bleibt man bei Yamaha positiv gestimmt.

Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Maverick Viñales, Yamaha Factory Racing
Maverick Viñales, Yamaha Factory Racing
Maverick Viñales, Yamaha Factory Racing
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Podium: Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Jonas Folger, Monster Yamaha Tech 3
Jonas Folger, Monster Yamaha Tech 3
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing, Marc Marquez, Repsol Honda Team
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Lin Jarvis, Yamaha Factory Racing Managing Director
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Maverick Viñales, Yamaha Factory Racing
Second place Maverick Viñales, Yamaha Factory Racing
Jonas Folger, Monster Yamaha Tech 3
Jonas Folger, Monster Yamaha Tech 3
Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Third place Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Pole sitter Johann Zarco, Monster Yamaha Tech 3
Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Podium: second place Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing
Michael van der Mark, Monster Yamaha Tech 3
Michael van der Mark, Monster Yamaha Tech 3
Michael van der Mark, Monster Yamaha Tech 3
Broc Parkes, Monster Yamaha Tech 3
Broc Parkes, Monster Yamaha Tech 3

2017 gehört nicht zu den erfolgreichsten Jahren von Yamaha im Motorrad-Rennsport. Neben dem WM-Titel in der Endurance-Weltmeisterschaft mit GMT94 und dem Sieg bei den 8 Stunden von Suzuka, gab es nur wenig zu jubeln. Besonders in der MotoGP-Königsklasse konnte man nicht annähernd die gewohnten Erfolge einfahren. Maverick Vinales (3x) und Valentino Rossi (1x) sorgten nur für 4 MotoGP-Laufsiege. Die einzigen Titel 2017: Rookie of the Year und Best Independent Team Rider durch Johann Zarco auf der Tech 3 Satelliten-M1.

Yamaha Saison 2017 – Fast Facts
Hersteller-Wertung: 2.
Punkte: 321 (-36)
Team-Wertung
Movistar Yamaha MotoGP: 2.
Punkte: 438 (-70)
Monster Yamaha Tech 3: 4.
Punkte: 258 (-250)

Kurz-Fazit: Für den erfolgsverwöhnten Hersteller mit den Stimmgabeln kann 2017 als mittleres Desaster gesehen werden: Erstmals seit 2007 schaffte man es, keinen Piloten unter die ersten zwei der Fahrerwertung zu bringen, damlas wurde Valentino Rossi hinter Casey Stoner und Dani Pedrosa Dritter. Nun war Maverick Vinales hinter Marc Marquez und Ducati-Pilot Andrea Dovizioso Dritter.

Yamaha hatte sich dieses Jahr bei der Entwicklung etwas zu sehr verrannt und kann insgesamt nur auf vier Saisonsiege zurückblicken. Drei davon holte Neuzugang Vinales ganz am Anfang der Saison, Rossis Einzelsieg in Assen war von viel Glück behaftet – und nur um 0,063 Sekunden errungen. Zur Erinnerung: Widersacher Danilo Petrucci wurde auf der letzten Runde von Nachzügler Alex Rins aufgehalten.

Fahrer: Maverick Vinales (Movistar Yamaha MotoGP)
WM-Rang: 3
Punkte: 230 (-68)
Bestes Qualifying: 1. (5x, Katar, Le Mans, Mugello, Misano, Aragon)
Bestes Rennen: 1. (3x, Katar, Argentinien, Le Mans)

Kurz-Fazit: Das hatte sich Maverick Vinales wohl einfacher vorgestellt. Bevor er von Suzuki zu Yamaha wechselte, ließ er sich lange mit seiner Entscheidung Zeit. Er hatte die eigentlich "einfache" Wahl: Bei Suzuki bleiben und eine Legende werden – oder bei Yamaha locker Weltmeister werden, dabei aber nur einer von vielen zu sein. Im ersten Saisondrittel sah Vinales dann auch schon wie der sichere Weltmeister aus und alles machte sich auf eine eher langweilige Saison gefasst, doch sein dritter Saisonsieg im fünften Rennen sollte der letzten für ihn 2017 bleiben. Es folgten auf den letzten 13 Rennen auch nur noch vier Podeste.

Fahrer: Valentino Rossi (Movistar Yamaha MotoGP)
WM-Rang: 5
Punkte: 208 (-90)
Bestes Qualifying: 2. (4x, Le Mans, Mugello, Brünn, Silverstone)
Bestes Rennen: 1. (1x, Assen)

Kurz-Fazit: WM-Rang fünf. 2017 war Valentino Rossis schlechteste Nicht-Ducati-Saison, nur in den beiden Jahren mit den Roten war er auf Sechs und Sieben schlechter. Seit 1996 hat es nur fünf Saisons gegeben, in denen Rossi maximal ein Mal gewann, in den beiden Ducati-Jahren 2011 und 2012 stand er gar nie auf dem obersten Treppchen. Mit seinen 38 Jahren zeigt ihm sein Körper wohl auch die ersten Grenzen: Rossi war 2017 oft verletzt. Trotzdem sammelte er nur drei Nuller: In Le Mans kämpfte er auf der letzten Runde mit Teamkollege Vinales um den Sieg, als er stürzte. Vor Misano verletzte er sich und ging nicht an den Start, war aber ein Rennwochenende später in Aragon wieder zurück. In Japan gab es einen weiteren Rennsturz. Rossi glaubt, dass man nun auf die Basis der 2016er Yamaha setzen muss, um wieder in die richtige Erfolgsspur zu finden.

Fahrer: Johann Zarco (Monster Yamaha Tech 3)
WM-Rang: 6
Punkte: 174 (-124)
Bestes Qualifying: 1. (2x, Assen, Motegi)
Bestes Rennen: 2. (2x, Le Mans, Valencia)

Kurz-Fazit: Überragend bester Rookie des Jahres – und dazu noch bester Independent-Team-Rider. Johann Zarco ist in der MotoGP eingeschlagen, wie eine Bombe. Der Franzose fuhr mit der Satelliten-Yamaha von Tech 3 gar zwei Mal auf das Podest: Beim Heimrennen in Le Mans und beim Finale in Valencia stand er als Zweiter auf dem Treppchen. Zarco machte sich aber auch einen Namen als Bedingungsloser Racer und geriet nicht nur mit einem MotoGP-Superstar aneinander. Mehrere Berührungen und Feindkontakt sorgten zwar teilweise für Unverständnis, auf der andren Seite aber auch für Respekt und Angst bei der Konkurrenz. Durch seine Unberechenbarkeit gingen die Gegner oft zurückhaltend mit ihm um – und beinahe hätte es in Valencia noch mit dem ersten MotoGP-Sieg geklappt.

Fahrer: Jonas Folger (Monster Yamaha Tech 3)
WM-Rang: 10
Punkte: 84 (-214)
Bestes Qualifying: 5. (1x, Sachsenring)
Bestes Rennen: 2. (1x, Sachsenring)

Kurz-Fazit: Zweitbester Rookie des Jahres 2017 und das obwohl der Deutsche Jonas Folger die letzten vier Saisonrennen krankheitsbedingt auslassen musste. Respekt hat er sich aber in den ersten 14 Saisonrennen verschafft. Unvergessen bleibt sein Battle mit Marc Marquez um den Sieg bei Folgers Heimrennen auf dem Sachsenring. Derzeit arbeitet Folger an seiner Rückkehr auf das Motorrad und zu vollständiger Fitness – und ganz Motorrad-Deutschland drückt ihm die Daumen dafür.

Das Desaster – welches keines ist

"Wir haben Maverick auf Rang drei der Weltmeisterschaft, das ist auf gar keinen Fall ein desaströses Jahr", sagt Yamaha-Rennchef Lin Jarvis. Doch eine kleine Sorgenfalte kann sich der 59-jährige Managing Director Yamaha Motor Racing nicht verkneifen, weiß er doch um die Erfolge seiner Marke. Trotz der Erfolgsverwöhntheit solle man aber auch sehen, dass man vier Rennen gewonnen habe. "Drei mit Maverick zu Saisonbeginn und eines mit Vale Mitte der Saison", rechnet er zusammen.

Auch der Führung von Yamaha ist der Saison-Trend logischerweise nicht verborgen geblieben. "Man muss klar sagen, dieses Gewinnen am Anfang des Jahres mit Maverick und dann seither nicht mehr, das ist etwas die Story unserer Saison", stellt Jarvis klar. Dabei hatte man allen Grund, optimistisch und selbstsicher zu sein, schließlich hatte Vinales alle Winter-Tests dominiert. "Wir haben da letztes Jahr superstark angefangen, wir waren in den ersten Rennen auch super-stark, haben gleich drei der ersten fünf Rennen gewonnen. Und dann sind wir in Schwierigkeiten gekommen."

Doch dieses Schwierigkeiten tauchten an Stellen auf, die man "nicht erwartet hatte", wie Jarvis sagt. "Auf Strecken, auf denen wir normalerweise stark sind." Und dieses Mal lag es aber nicht so sehr an den Fahrern. "Wir hatten aus technischer Sicht ein schwieriges Jahr, haben versucht, die Probleme zu lösen, die wir hatten, die hauptsächlich bei niedrigen Grip-Levels aufgetaucht sind – egal, ob das jetzt am Asphalt oder am Regen lag. Darum hatten wir seither etwas Probleme, das in den Griff zu bekommen."

Um diese Probleme zu lösen, verrannte sich Yamaha. "Wir haben am Motorrad gearbeitet, die Chassis gewechselt,… Manchmal sind wir in Situationen gekommen, die prinzipiell ein reines Desaster waren. Motegi ist da ein gutes Beispiel, wo wir sehr, sehr enttäuschend abgeschnitten haben. Dort ist es richtig schrecklich gelaufen. Dann kommen wir nach Phillip Island, die Sonne hat geschienen und wir waren unglaublich, konnten aber nicht bis zum Ende des Rennens kämpfen und es nicht gewinnen."

Eingeständnis: Es war doch schwierig!

"Wenn man solche Extrem-Situationen sieht… dann, natürlich, es war ein schwieriges Jahr“, gibt Jarvis doch noch zu und lenkt auch auf die Verletzungen von Superstar Valentino Rossi. Der war 2017 dahingehend zwar anfällig wie noch nie, überzeugte und überraschte aber wieder einmal durch seine schnellen Genesungszeiten und seinen ungebändigten Willen auf Motorradfahren. "Valentinos Verletzungen. Er war vor beiden seinen Heimrennen verletzt, zuerst in Mugello, als er seinen MotoCross-Unfall hatte, und dann brach er sich das Bein vor Misano. Aber er hat zurückgeschlagen", lobt Jarvis.

"Es war kein schlechtes Jahr, aber klar, wir sind daran gewöhnt, viel besser abzuschneiden. Wir sind nicht unter den besten Zwei, also haben wir Arbeit vor uns", gibt der Manager die klare Marschrichtung aus. Mit Honda zu kämpfen ist Yamaha derweil gewohnt. Doch auch das direkte Kräftemessen mit Ducati ist nicht neu, wie Jarvis ins Gedächtnis ruft. "Wir haben vorher schon mit Ducati gekämpft", sagt er.

"Besonders 2007, als sie damals Weltmeister geworden sind, haben sie das Jahr auch dominiert. Ich denke, dass wir jetzt wirklich die Rückkehr Ducatis zu ihrem besten Level in der MotoGP sehen. Dieses Jahr konnte Yamaha am Ende der Saison nicht um eine der ersten beiden Positionen kämpfen. Das heißt, dass wir unsere Probleme hatten und Ducati, auf der anderen Seite, die haben dieses Jahr sechs Rennen gewonnen und alles richtig gut gemacht, besonders in der zweiten Saisonhälfte. Ich denke, das alles geht vielmehr auf das Wachstum von Ducati zurück, als auf die Rückschritte von Yamaha."

Lob für den Rookie

Teilweise bestimmte 2017 Yamaha aber doch die Schlagzeilen, denn Rookie Johann Zarco war nicht nur schnell und erfolgreich, sondern sorgte auch für einige Kontroversen. Davon abgesehen aber überzeugte der Franzose auch sportlich – und das blieb bei der Führung bei Yamaha natürlich nicht unerkannt. "Auf der positiven Seite möchte ich einen Kommentar zu Johann Zarco abgeben", so Jarvis. "Ich denke, bester Rookie zu werden und bester Independent-Fahrer ist auch etwas, auf das das Team stolz sein darf. Das zeigt aber auch, dass unser Basis-Level gut ist. Aber um diese Jungs zu schlagen, müssen wir anziehen", schielte er in Richtung Honda und Ducati und das Werks-Team.

Welche Version der M1 werden aber Zarco und Folger im kommenden Jahr zur Verfügung haben? Normalerweise werden beim ersten Saison-Test nach dem Finale von Valencia die Werks-Renner in die Box von Tech 3 geschoben. Doch Mitte November 2017 benötigten Rossi und Vinales Teile ihrer Einsatz-Bikes noch für Vergleichsfahrten. Derzeit ist bei Yamaha der Trend zu vernehmen, dass man die Basis des 2016er Prototypen – also desjenigen Motorrades, mit dem Zarco Rookie of the Year wurde – als Basis nehmen würde. 

"Das ist eine gute Frage. Ich bin noch nicht wirklich sicher, welche Version wir zur Verfügung stellen werden", so Jarvis. "Unsere Politik wird grundlegend gleich bleiben. Wenn wir uns die Leistungen und das Level der Tech 3 Maschinen in diesem Jahr anschauen, dann sind die sehr eng beieinander. Ich glaube, dass unsere Satelliten-Maschinen möglicherweise das höchste Level haben, was unter allen Herstellern die Satelliten-Teams angeht – wenngleich sich darüber sicher streiten lässt."

"Das Wichtige für uns ist, welche Version wir insgesamt nächstes Jahr einsetzen werden. Grundsätzlich würden die Tech 3 Fahrer die Bikes aus dem jeweiligen Vorjahr einsetzen. Wir hatten dieses Jahr aber viele Entwicklungsteile, darum müssen wir entscheiden, welche Versionen für Tech 3 im kommenden Jahr die besten sind und zum Einsatz kommen. Das bedeutet aber nicht, dass es die gleichen Versionen sein müssen und werden, welche Valentino und Maverick gefahren sind."

Talentsuche bleibt im Grand Prix

2017 griff Yamaha außerdem auf einen Pool an Fahrern aus der eigenen Familie zurück, um verletzte und kranke Fahrer zu ersetzen. Der erste, der in die Presche sprang, dann aber nicht zum Einsatz kam, war Michael van der Mark in Aragon. Dort war der Niederländer, der sonst im Werks-Team von Yamaha in der Superbike-Weltmeisterschaft fährt, zwar angereist, doch Rossi war fit genug, selbst in den Sattel zu steigen. Van der Mark kam in Malaysia und Valencia für Jonas Folger zum Einsatz. Auf Phillip Island hatte man den Lokalmatadoren Broc Parkes aus dem YART Yamaha Team in der Endurance-Weltmeisterschaft abgezogen.

Für Einzeleinsätze bleibt das weiterhin Thema, doch den eigentlichen Nachwuchs sieht Jarvis im Grand-Prix-Umfeld wachsen. "Ich würde sagen, der bevorzugte Ort, wo wir nach jungen Talenten suchen, ist hier im Fahrerlager, in der Moto2 und Moto3", sagt er. "Da sind viele Talente, die nach oben streben. Es gibt auch viele Fahrer-Entwicklungsprogramme, die von der Dorna promoted werden, oder die VR46 Academy, bei der wir involviert sind. Es steht daher außer Frage, dass das Hauptaugenmerk in diesem Fahrerlager liegt. Manchmal finden wir Fahrer, die den Sprung von einer Klasse in die andere schaffen. Ich glaube, dass die Superbike ihre Berechtigung in ihren Zielen und Umfeldern hat, aber es wäre außergewöhnlich, wenn wir ein junges Talent von dort nehmen. Die meisten der jungen Talente würden vermutlich früh wechseln und in die MotoGP-Klasse kommen."

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