Felipe Massa

Kolumne von Felipe Massa: Warum ich zurücktrete

In seiner exklusiven Kolumne bei Motorsport.com schreibt Felipe Massa über seine Karriere und warum er eben diese nun beenden will.

In einer Formel-1-Karriere gibt es viele besondere Augenblicke. Und das, was ich gleich beschreibe, macht mich durchaus emotional.

Denn in den vergangenen Monaten habe ich viel über meine Zukunft nachgedacht und schließlich die Entscheidung getroffen, die Formel 1 am Saisonende zu verlassen.

Im Leben steht man immer wieder vor einer Wahl. Ich denke, für mich ist es nun an der Zeit, zu gehen und etwas anderes zu machen. Vielleicht seht Ihr mich in Zukunft wieder mal am Steuer eines Rennwagens. Doch im Moment steht nur fest, dass ich viel Zeit haben werde, um meine nächsten Schritte zu planen.

Ich will in Ruhe darüber nachdenken, was ich in Zukunft tun werde. Es soll genau so passieren, wie ich auch die Entscheidung über das Ende meiner Formel-1-Zeit getroffen habe.

Während der vergangenen Wochen kamen mir viele Gedanken in den Sinn. Ich erinnerte mich an viele Augenblicke meines bisherigen Lebens. Die Öffentlichkeit erinnert sich natürlich an deine Erfolge in der Formel 1. Doch es gibt auch eine Zeit vor der Formel 1. Und in dieser Zeit wurden die Grundsteine für meine spätere Karriere gelegt.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an den Kartsport. Es waren tolle sieben Jahre, in denen ich erstmals Motorsport-Luft geschnuppert habe. Dann folgte der Wechsel in den Rennwagen, auch das noch in Brasilien. Ich bestritt die Formel Chevrolet, aber nur für eineinhalb Saisons – mein Budget war knapp. Dennoch gewann ich 1999 den Titel.

Der Preis für diesen Erfolg war die Chance, nach Europa zu wechseln und dort sechs Rennen in der Formel Renault 2.0 zu absolvieren. Letztendlich wurden es mehr. Und ich gewann in diesem Jahr sowohl die italienische Meisterschaft als auch die EM.

Damit fand ich mich in der Formel 3000 wieder. Erneut lief es gut für mich. Denn nach nur einer Saison wechselte ich in die Formel 1.

Mir taten sich die Türen zum Grand-Prix-Sport auf. Unglaublich! Ich kann mich noch gut an den ersten Test erinnern und an die große Aufregung. Ich erinnere mich auch noch gut an meinen ersten Sieg in Istanbul 2006. Doch meine größte Freude war mein Heimsieg beim Großen Preis von Brasilien im gleichen Jahr. In meiner Heimatstadt Sao Paulo. Das war eine wirklich einmalige und hochemotionale Erfahrung für mich!

Als Kind träumst du von der Formel 1. Doch dieses Ziel ist fast unerreichbar. Aber das Leben war gut zu mir und hat mir viel mehr beschert als ich zu träumen gewagt hätte.

Ich hätte nie gedacht, einmal für Ferrari oder Williams zu fahren. Als kleiner Junge hatte ich Nelson Piquet und Ayrton Senna für das britische Traditionsteam fahren sehen. Ich träumte davon, in ihre Fußstapfen zu treten.

Mit Ferrari gelangen mir einige Rennsiege und ich stand häufig auf dem Podest. Ich kämpfte auch um den WM-Titel. Am Ende fehlte mir nur ein Punkt zum ganz großen Triumph. Dennoch bin ich ein fröhlicher und zufriedener Mensch.

Mit der Saison 2008 verbinde ich aber auch den schlimmsten Moment meiner Karriere. Ich rede nicht über den Unfall, der 2009 in Budapest passierte, weil ich keinerlei Erinnerung daran habe.

Aber ich erinnere mich sehr wohl an den Großen Preis von Singapur 2008 und an das, was ich später über 'Crashgate' erfuhr. Ohne diesen Zwischenfall hätte ich vielleicht die WM gewonnen. Ich weiß: Weder ein Fahrfehler noch ein Teamfehler waren der Grund dafür, dass es mir nicht gelang. Das macht es umso schwieriger für mich, es zu verdauen.

Am Saisonende in Brasilien wusste ich, ich hatte mein Bestes gegeben. Ich hatte das Rennen gewonnen und nichts zu bereuen. Das hat es mir erleichtert, die Situation zu akzeptieren. Die Ereignisse von Singapur wurden erst später aufgearbeitet. Aber das schmerzte mich nur noch mehr.

In den vergangenen Wochen habe ich zudem über die vielen Menschen nachgedacht, die mir in meiner Karriere geholfen haben. Da gibt es so viele Personen in unterschiedlichen Rollen, mit denen ich Erinnerungen, Siege und dergleichen mehr verbinde. Sie alle haben große Opfer gebracht.

Bei Sauber begann mein Formel-1-Abenteuer und ich lernte sehr viel. Ferrari war der nächste Schritt, wo ich auf das allerhöchste Niveau vorstieß. Und am Ende kam mein Engagement bei Williams, das ich noch immer bestreite.

Hinter all diesen Teams stehen so viele Menschen, aber auch Sponsoren. Ihnen ist es zu verdanken, dass ich all dies tun konnte. Ohne ihre Unterstützung hätte es meine Karriere nicht gegeben.

Aber an vorderster Stelle steht meine Familie. Mein Vater und meine Frau Raffaela sind die beiden Menschen, die mir in all dieser Zeit am nächsten waren. Sie haben mich stets unterstützt. Ihre Liebe war meine Motivation, wenn es mal weniger gut lief. Und ohne ihre Hilfe wäre ich heute nicht hier.

Meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester haben mich gleichermaßen unterstützt. Ich darf auch meinen kleinen Sohn nicht vergessen! Und dann sind da noch so viele Freunde, die Freud' und Leid mit mir geteilt haben. Manchmal hat mir auch mein Glaube geholfen. Ich kann nur Gott danken, dass er mich beschützt und mir ein solches Märchen ermöglicht hat.

Mein Vater hat mich in der Anfangszeit meiner Karriere stets begleitet. Damals arbeitete ich auch mit meinem ersten Manager Riccardo Tedeschi zusammen. Mit ihm gingen wir in die Formel 1.

Die Person, die mir schließlich meine größte Chance gab, war Jean Todt. Er glaubte an mich. Und er holte mich zu Ferrari.

Und dann ist da noch Nicolas Todt. Offiziell ist er mein Manager, aber eigentlich ist er ein toller Freund, mein bester Freund. Zusammen haben wir vieles aufgebaut. Wir haben gute und schlechte Zeiten miteinander durchlebt. Ich glaube fest daran, dass wir auch über den Sport hinaus gute Freunde bleiben werden.

Dass ich meinen Rücktritt in Monza verkünde, ist kein Zufall. Vor zehn Jahren hat hier ein anderer Fahrer ebenfalls seinen Abschied bekanntgegeben. Und er ist ein weiterer Mensch, der einen großen Einfluss auf meine Karriere hatte: Michael Schumacher.

2006 war ich zu Ferrari befördert worden. Doch man sagte mir alsbald, dass Kimi Räikkönen zur Saison 2007 zum Team stoßen würde. Mein Ferrari-Traum hätte also schon nach nur einer Saison ausgeträumt sein können.

Dann traf Michael seine Entscheidung, nach der Saison 2006 aufzuhören. Und ich hatte die Sicherheit, weitere Jahre bei Ferrari fahren zu können.

Zehn Jahre später, im gleichen Fahrerlager, unterrichte ich Euch von meinen Plänen.

Doch erst einmal konzentriere ich mich nun auf die verbleibenden acht Rennen dieser WM. Ich werde jetzt nicht den Rentner raushängen lassen! Ich mache einfach ganz normal weiter und fahre das Auto so schnell ich kann.

Wir haben noch wichtige Ziele zu erreichen. Dafür gebe ich alles. Denn Williams kämpft um den vierten Platz in der Konstrukteurswertung und ich will helfen, dass wir das schaffen.

Und dann folgt ganz am Schluss der Große Preis von Brasilien in Sao Paulo. Mir ist schon klar, dass Abu Dhabi mein letztes Formel-1-Rennen sein wird. Aber für mich ist bereits das Rennwochenende in Sao Paulo der eigentliche Abschied. Denn dieser Ort bedeutet mir so viel.

Euer
Felipe Massa

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