Kolumne – Jorge Lorenzo: Rossi mal richtig in die Eier treten

Gut, das hat der Spanier nicht gesagt. Aber wenn ich er wäre, würde ich das zumindest denken.

Geschichte wiederholt sich. Zumindest beim ewigen Kampf zwischen Valentino Rossi und Jorge Lorenzo. Mittlerweile ist der direkte Kampf mit Rossi aber keine wirkliche Herausforderung für Lorenzo mehr. Außerdem dürfte er aus ähnlichen Beweggründen zu Ducati wechseln wie damals Rossi. Nur der Ausgang dürfte wohl anders werden...

 

Die Karrieren von Lorenzo und Rossi haben so viele Parallelen. Zumindest auf dem Level der MotoGP. Die Kindheitstage waren völlig unterschiedlich. Während Rossis Vater Graciano seinen Sprössling aufgrund illegaler Rennen mit Mofas in den Bergen der Emilia Romagna bei der Polizei abholen musste, wurde Lorenzo von Vater Jose „Chico“ auf mallorquinischen Parklätzen auf Präzision getrimmt.

Als Valentino Rossi am 31. März 1996 als 17-Jähriger bei seinem Grand-Prix-Debüt in Shah Alam, Malaysia, Sechster wurde, war Jorge Lorenzo acht. Nicht Platz. Jahre alt. Peter Öttl – Vater vom heute aktiven Philipp, wurde in jenem Rennen Dritter. Emilio Alzamora, heute Manager von Marc Márquez, kam in jenem Rennen rund sechs Sekunden vor Rossi an.

Freitag, 3. Mai 2002. Der 14-Jährige Jorge Lorenzo wartet auf Samstag. Schaut sich das Training der 125ccm-Weltmeisterschaft in Jerez de la Frontera an. Ab Mitternacht ist er Grand Prix Fahrer auf Derbi. An jenem Samstag, dem 4. Mai 2002, feiert er seinen 15-jährigen Geburtstag – und darf am Morgen im zweiten freien Training in das Geschehen eingreifen. Im Rennen wird Lorenzo 22., der Sieg geht an den heutigen LCR Honda Teamchef Lucio Cecchinello.

Jorge Lorenzo
Lorenzo ist Ende 2007 zweifacher Weltmeister der 250ccm-Klasse. Rossi sieben Mal Weltmeister in 125ccm, 250ccm, 500ccm und MotoGP - auf insgesamt vier Marken.

Foto: Toni Börner

Als Lorenzo seinen ersten Grand Prix fährt, hat Rossi schon sechs Jahre absolviert und ist ein Superstar. Drei WM-Titel hat er da schon auf dem Konto, gerade frisch den letzten aller Zeiten auf den 500er-Zweitaktern. Zu jenem Zeitpunkt ist Marc Márquez gerade neun Jahr alt geworden.

Idol für alle: Alle wollten wie Rossi sein

Rossi überzeugte damals nicht nur mit seinen Leistungen auf der Strecke, sondern auch durch die Sketche, die er mit seinem Fanklub nach Siegen durchzog. Die Fans verliebten sich in ihn, die Fanschaar wurde immer Größer. Alle wollten wie Rossi sein.

 Egal, was der Italiener heute behauptet: Natürlich hingen Poster von ihm im Kinderzimmer von Lorenzo und Marquez.

Lorenzo war dann auch der, der versuchte, auf die Welle Rossi aufzuspringen. Ein Bein in der einen Farbe, das andere in der anderen. Die Sieges-Feierlichkeiten. Damit aber kam Lorenzo bei den eingefleischten Rossi-Fans nicht an. Anstatt Sympathie zu sammeln, verspielte er sie sich an vielen Ecken.

Nicht immer schreiben Sieger Geschichte

Rossi hat in seiner Karriere erst spät lernen müssen, was das Wort „verlieren“ bedeutet, wie er selbst mehrfach zugab. Er brauchte immer auch „menschliche“ Feindbilder. Siehe Max Biaggi, siehe Sete Gibernau. Nicky Hayden gehörte sicher nicht dazu, trotzdem lehrte er Rossi das Verlieren, als er 2006 Weltmeister wurde. Eine fünfjährige Serie riss beim Italiener.

Mit Casey Stoner, Dani Pedrosa und Jorge Lorenzo waren spätestens ab 2008 eine ganze Reihe von starken Fahrern zu harter Konkurrenz mutiert. Stoner war schon MotoGP-Weltmeister, als Lorenzo kam. Doch allesamt haben sie „noch in die Windeln geschissen“, als Rossi anfing.

Jorge Lorenzo, Yamaha Factory Racing
Jorge Lorenzo in seiner Debüt-Saison in der MotoGP - noch mit der Startnummer 48.

Foto: Toni Börner

Nun aber hatte er die stärkste Konkurrenz im eigenen Team. Rossi begann einen Kleinkrieg. Natürlich profitierte Lorenzo von der Erfahrung des Italieners im eigenen Team. Natürlich schielte er auf sein Setup. Rossi wurde sauer und ging Ende 2010 zu Ducati.

Geschichte wiederholt sich. Rossi hatte geglaubt, a la 2003/2004 gleich auf dem nächsten Fabrikat Weltmeister zu werden. Oder wenigstens Rennen zu gewinnen. Ein einziger Podestplatz 2011 und Gesamtrang sieben war die nüchterne Ausbeute. Ende 2012 kroch er zu Yamaha zurück – und gewann wieder. Die Streitigkeiten mit dem Spanier gehören der Vergangenheit an, sagte er damals.

Tun sie nicht.

Rossi aber musste jetzt den Spieß rumdrehen. Jetzt kopierte er Fahrstil, Setup und Co. von Lorenzo. Der Erfolg gab ihm Recht. Und unterstrich damit unterschwellig, wie weit Lorenzo gewachsen war.

Jorge Lorenzo: "Rossi kopiert sogar meine Gangwechsel"

Gegen den eigenen Teamkollegen durfte er von Yamaha-Wegen nicht mehr schießen, darum bandelte Rossi seinen „menschlichen Krieg“ Ende 2015 mit Marquez an. Die Schuldfrage dort wird wohl nie geklärt werden. Fakt ist, dass zwei der besten und schnellsten Rennfahrer, die jedes Wochenende messen, wer die dickeren Eier hat, gehörig aneinander rasselten. Wahrscheinlich auch, weil Rossi nicht gegen Lorenzo schießen durfte. Trotzdem können sich die beiden heute auch nicht riechen.

Carl Fogarty, Davide Tardozzi
Carl Fogarty (links) hatte seine ganz eigene Art, mit seinen Feinden neben der Piste fertig zu werden.

Foto: Dave Dyer

Topstars haben sich noch nie riechen können. Die legendärste Geschichte für mich dazu wird immer bleiben, wie Vierfach-Superbike-Weltmeister und TT-Sieger Carl Fogarty seine beiden Hausschweine Scott – Russell – und Aaron – Slight – nannte. Seine Gegner in der WSBK, die er nicht riechen konnte.

Die Frage der Eier

Als Rossi vor Saisonstart in Katar bei Yamaha für die Jahre 2017 und 2018 unterschrieb, hatte Lorenzo schon einen Vertrag vorliegen. Der Italiener verwandelte seinen Matchball – denn er wollte klar Lorenzo aus dem Team haben.

„Um zu Ducati zu gehen braucht es Eier, darum glaube ich, Lorenzo wird bleiben.“

„Um zu Ducati zu gehen braucht es Eier, darum glaube ich, Lorenzo wird bleiben“, stachelte Rossi in der Wüste an. Er wusste ja zu Gut, wie es ihm ergangen war, bei den Roten.

Und Lorenzo ist jetzt drauf angesprungen. Die gemunkelten 25 Millionen Euro Jahresgage werden die Entscheidung sicherlich leicht gemacht haben. Aber ganz sicher war es nicht nur das.

Ducati hat Gigi Dall’Igna an Bord geholt, der die Desmo von Grund auf neu gemacht hat. Das Motorrad ist mittlerweile für Siege gut. Definitiv. Es ist derzeit nur durch seine Fahrer limitiert, Andrea Dovizioso und Andrea Iannone. Diese Meinung teilt nahezu das gesamte Fahrerlager.

Iannone hat vier Mal bei den 125ern gewonnen, acht Mal in der Moto2. Kein WM-Titel.

Dovizioso hat fünf Siege bei den 125ern, vier bei den 250ern und einen in der MotoGP – im Regen von Donington 2009 auf der Repsol Werks-Honda. Weltmeister war er 2004 in der Achtelliterklasse – mit 91 Punkten Vorsprung auf Hector Barbera. Lorenzo wurde in jenem Jahr Vierter vor Stoner.

Rossi ist an der Ducati gescheitert, Lorenzo hat andere Vorzeichen. Er will nicht nur beweisen, dass er auch auf einer anderen Marke gewinnen kann. Er will das schaffen, was Rossi nicht geschafft hat – auf der italienischen Diva gewinnen und Weltmeister werden.

 

Und ganz sicher will er noch eines: Rossi die Daten entziehen, mit denen er schnell fahren kann.

Geschichte wiederholt sich. Nur dieses Mal hat Lorenzo den Spieß rumgedreht. Rossi ging damals, 2011, aus den gleichen Gründen zu Ducati.

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Fahrer Valentino Rossi , Jorge Lorenzo
Teams Ducati Team , Yamaha Factory Racing
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