Vasseur: Saubers Honda-Deal nach nur einer Stunde abgesagt

Im Interview verrät Sauber-Teamchef Frederic Vasseur unter anderem, warum er den Honda-Deal quasi unmittelbar nach seinem Amtsantritt 2017 abgesagt hat

Frederic Vasseur gilt als extrem sachlicher Teamchef. Dieser Ansatz hat ihm in den Nachwuchskategorien dabei geholfen, überaus erfolgreich zu sein. Außerdem wurde er so im vergangenen Jahr zu einem offensichtlichen Kandidaten, als Sauber einen neuen Teamchef suchte. Es gibt keinen besseren Beweis dafür, wie intensiv, entschlossen und fokussiert er in seinem Job sein kann, als die Geschwindigkeit, mit der er das Schweizer Team in eine neue Richtung gelenkt hat - nur wenige Minuten nach seinem Amtsantritt.

Die mutigste Entscheidung war es dabei, Saubers Vereinbarung mit Honda zu lösen. Das stand ganz oben auf seiner Liste, als er durch die Türen der Fabrik in Hinwil kam - und innerhalb von wenigen Minuten wurde alles in die Wege geleitet. "Ich kam am 17. Juli um 9:00 Uhr zum Team - und das Meeting war um 10:00 Uhr", lacht Vasseur im Interview mit 'Motorsport.com'.

"Für mich war das wichtig. Ein Wechsel des Motorenpartners ist nie leicht. Aber Honda war in keiner guten Verfassung. Außerdem - und das war für mich das Wichtigste - waren wir beim Getriebe an McLaren gebunden. Wir hatten absolut keine eigenen Ressourcen, um selbst eins zu bauen", erklärt Vasseur.

"Ich hatte einige Kontakte bei McLaren und war überzeugt, dass sie Honda verlassen wollten. Daher wollte ich kein Risiko eingehen. Man muss sich das aus heutiger Sicht einmal vorstellen, wenn ich bei McLaren nach dem Honda-Getriebe anfragen müsste. Es wäre ein absoluter Albtraum", sagt Vasseur und verrät: "Weil wir bereits am Auto für 2018 arbeiteten, konnten wir diese Entscheidung nicht verschieben."

Offene Rechnungen

Vasseur heuerte im vergangenen Jahr bei Sauber nur wenige Monate an, nachdem er Renault verlassen hatte. Dort ließ sich seine langfristige Vision nicht mit der von Sportchef Cyril Abiteboul vereinbaren. Er bereut es zwar nicht, dass es bei Renault nicht geklappt hat. Aber trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass es noch offene Rechnungen gibt, und dass er noch einmal beweisen möchte, was er in der Formel 1 erreichen kann.

"Ich habe die vergangenen 27 Jahre meines Lebens an der Strecke verbracht. Natürlich möchte man da erfolgreich sein. So will man nicht aufhören", gesteht er und erklärt: "Es hat aber nichts mit 'Rache' oder so zu tun. Ich war immer auf der Suche nach einem guten Projekt in der Formel 1 für mich. Und ich denke, dass dieses perfekt für mich ist."

"Ich will nicht sagen, dass Renault kein gutes Projekt war. Aber ich hatte Probleme, mich ins System einzufügen. Daher war es für mich besser, zu gehen, denn ich habe auch noch andere Projekte im Leben. Also ging ich", sagt Vasseur und verrät: "Ich war glücklich, eine Pause zu haben - auch wenn sie mir nach sechs Monaten etwas zu lang war. Meine Frau ermutigte mich, etwas anderes zu finden. Sie sagte: 'Häng nicht länger zuhause rum.'"

"Dann begannen die Gespräche mit Sauber - und es waren gute Gespräche. Das Projekt war gut, denn es passte viel besser zu meinen Erwartungen und den Projekten, die ich zu Beginn meiner Karriere hatte", so Vasseur.

Ferrari-Zukunft

Vasseurs Einfluss ist bereits nach sechs Monaten bei Sauber sehr deutlich. Die Verbindung zu Ferrari wurde mit dem Alfa-Romeo-Deal weiter gestärkt. Trotzdem stellt Vasseur klar, dass Sauber kein Junior- oder B-Team der Scuderia werden soll. Er erklärt, dass Hinwil weiterhin eigene Autos bauen wird. "Mir ist egal, was die Leute über uns sagen. Niemanden interessiert, ob wir ein Junior- oder Kundenteam sind", sagt er.

"Wir wollen mit ihnen (Ferrari; Anm. d. Red.) einfach etwas aufbauen", erklärt Vasseur und ergänzt: "Wir brauchen eine enge Beziehung, aber ich möchte kein Auto von Ferrari kaufen. Dieses Know-how möchte ich hier behalten. Wenn wir das nicht tun, dann bin ich wieder in der gleichen Situation wie mit dem Getriebe (von McLaren). Solche Entscheidungen möchte ich vermeiden."

Kleine Schritte

Dank der neuen Allianz mit Ferrari, dem Wechsel zum aktuellen Motor und dem neuen Personal, das im Laufe der vergangenen Saison zum Team gestoßen ist, sollte es für Sauber 2018 wieder besser laufen. Doch Vasseur bleibt im Hinblick auf die kurzfristigen Ziele realistisch. "Wir waren ziemlich weit weg von den Teams vor uns. Auch wenn wir die Lücke in den letzten Rennen (2017) etwas schließen konnten", erinnert er.

"Für mich war es das oberste Ziel, diese Lücke zu schließen. Wir müssen wieder den Anschluss schaffen. Wir müssen mit den Teams um uns herum kämpfen können. Ich denke auch, dass wir die Lücke schließen können. Es ist aber schwer zu sagen, ob wir um Platz acht, neun oder zehn kämpfen werden. Alles darüber hinaus wird schwierig. Es hängt auch von den anderen Teams und ihren Projekten ab."

"Wir müssen ehrlich zu uns selbst sein. Das größte Problem war bisher nicht der Motor. Er war zwar von 2016, aber das Handicap waren lediglich ein paar Zehntel", stellt er klar und erklärt: "Wenn wir uns mit den anderen Teams vergleichen, dann war das Chassis das größte Problem. Darauf müssen wir uns konzentrieren und wie verrückt im Bereich der Aerodynamik pushen", so Vasseur.

Geduldig bleiben

Vasseur weiß, dass ein kleines Team wie Sauber die großen Jungs nicht im Kampf um Podestplätze herausfordern kann. Stattdessen nimmt er sich Force India zum Vorbild. Dabei ist er sich bewusst, wie lange das Team aus Silverstone gebraucht hat, um so gut zu werden. "Force India ist ein gutes Vorbild. Wenn man sich das Team anschaut, dann arbeiten sie mehr oder weniger so mit Mercedes zusammen wie wir mit Ferrari", erklärt Vasseur.

"Das betrifft Fahrer, Kollaborationen, den Motor und einige andere Teile. Außerdem sind sie ungefähr so groß wie Sauber. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, was wir erreichen könnten", sagt Vasseur und erinnert: "Es hat einige Zeit gedauert, bis Force India so abliefern konnte. Man denke nur an die alten Zeiten zurück, als sie noch Spyker waren. Da hatten sie Schwierigkeiten, in den Top 10 zu sein."

"Sie hatten ein langfristiges Projekt, und Jahr für Jahr wurden sie besser. Jetzt sind sie ziemlich konstant. Ich denke, dass wir die Dinge auch so angehen müssen", erklärt Vasseur und ergänzt: "Wir müssen geduldig sein. Das Projekt dauert drei bis fünf Jahre. Man verpflichtet nicht einfach einen Ingenieur von Ferrari oder Mercedes, und in der nächsten Woche ist das Auto direkt viel besser."

"Von außen ist das Geschäft manchmal nicht leicht zu verstehen. Man kann das Gefühl bekommen, dass man sich Performance erkaufen kann. Ohne das nötige Budget kann man natürlich nicht mit Mercedes kämpfen, aber man braucht ein langfristiges Projekt. Man muss wissen, wo man hinkommen will, und wie man das schaffen möchte." Dieses Mantra verfolgt Vasseur, seit er in Hinwil angekommen ist.

 
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